Preisverleihung an Rabbinerin Prof. Dr. Klapheck

Masel Tov! – Dr. Gabriele-Strecker-Preis für die Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck

Auszeichnung für eine kluge, charismatische und bodenständige Persönlichkeit

von Petra Kammann

Elisa Klapheck, die Rabbinerin des Egalitären Minjan (eine Betergemeinschaft, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind) in der Frankfurter jüdischen Gemeinde und engagierte Verfechterin der Gleichberechtigung von Frauen in Gesellschaft und Religion, wurde am 9. Juni im Frankfurter Auktionshaus Arnold von den Soroptimistinnen mit dem Dr. Gabriele-Strecker-Preis und vom Berliner Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama mit einer Laudatio geehrt.

 

 

Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck; Foto: Petra Kammann

Es war eine in jeder Hinsicht besondere Feier im vom Junilicht durchfluteten Großen Auktionssaal des Auktionshauses Arnold in der Bleichstrasse fast unmittelbar gegenüber der Jugendkirche sankt peter, die mit einer Banneraktion an der Außenfassade der „Box“ auf sich aufmerksam macht und Zeichen für den respektvollen Umgang miteinander setzt. Dort ist gerade angeschlagen: „Antisemitismus schadet der Seele“ und zur anderen Seite der Box hin:“Rassismus schadet der Seele und tötet“. Passt!

Ist aber für die Ehrung einer Rabbinerin ausgerechnet ein weltliches Auktionshaus, das mit Kunstwerken handelt, ein geeigneter Ort? Aber ja, zumal Elisa Klapheck mit der Kunst großgeworden ist. Ihr Vater, Konrad Klapheck (*1935) zählt zu den eigenwilligsten und genialen Künstlern, die schon in jungen Jahren Kontakt zur französischen Surrealistenszene pflegten, der die Dinge des Alltags wie Schreibmaschinen, Wasserhähne und Duschköpfe hyperrealistisch in fremdartige Monumente des Staunens verwandelt. Bekannt mit Max Ernst und René Magritte, schrieb ihm der französische Dichter und Verfasser des „Manifests des Surrealismus“ André Breton begeistert ein Vorwort zu seinem Katalog. Insofern verwundert es nicht, dass sich die kommunikativ begabte Tochter Elisa interessiert auch erst einmal im Auktionshaus die an der Wand hängende Kunst anschaut und in den üppig sprießenden kleinen Garten hinter der Galerie blickt.

Begrüßung mit Musik –  am Klavier: Johanna Zerlik, am Cello: Annette Mees; Foto: Petra Kammann

Stimmungsvoll ist dann der Beginn der hybriden Preisverleihungsveranstaltung, an der leider wegen der Hygiene- und Abstandsregeln nur wenige Gäste live teilhaben konnten, mit dem Cellokonzert von Rachmaninoff, Op. 34, Nr. 14 Vocalise, das die Cellistin Annette Mees vom Frankfurter MainKammerOrchester und die Pianistin Johanna Zerlik einfühlsam spielten und zum Abschluss dann Three Sketches From Jewish Life , N1 Prayer vom jüdischen Komponisten Ernest Bloch (1875-1977). Immerhin konnten die vielen anderen noch nicht geimpften nicht getesteten Soroptimistinnen die Veranstaltung am Bildschirm von zuhause aus mit verfolgen.

Die Laudatio des Rabbiners Prof. Dr. Andreas Nachama wurde aus Berlin zugeschaltet; Foto: Petra Kammann

Nach einer kurzen Begrüßung durch die Vorsitzende des SI-Clubs Frankfurt HELP e.V. Monika Lambrecht sowie durch die Präsidentin (2019-2021) des Soroptimist International Club Frankfurt, Vanessa Barth, die den merkenswerten Satz sagte: „Frauen können alles lernen“, das sei ja auch schon ein Vorzug, wird die Laudatio des Berliner Rabbiners Prof. Dr. Andreas Nachama auf die besondere Preisträgerin auch im Saal auf Leinwand übertragen.

Er skizziert die desolate Situation der Nachkriegszeit in Deutschland als eine Zeit der „Armseligkeit“, in der das jüdische Leben noch nicht wieder verankert gewesen sei. Eine gewisse Aufbruchstimmung sei erst mit einer Tagung damals in der Evangelischen Akademie in Arnoldshain, die sich mit dem  Thema „Jüdisches Leben nach 1945“ beschäftigt habe, gekommen. Das jüdische Gemeindeleben sei in der Hand weniger zwischenzeitlich extrem gealterter Gründungspersonen gewesen und auch die Frauen hätten zur jüdischen Erneuerungsbewegung aus feministischer Perspektive weder Kontakt, noch Interesse daran gehabt.

Eine Besonderheit in Frankfurt: Eine Rabbinerin, Prof. Dr. Elisa Klapheck, in der Jüdischen Gemeinde des Egalitären Minjan in der Westend-Synagoge. Sie erläutert hier die Bedeutung des Talit (Umhang) für die Juden, in den Knoten „der Gesetze“ eingeknüpft sind; Foto: Petra Kammann

In diese Ödnis hinein habe Elisabeth Klapheck 1997/98 in Berlin Bet Debora, ein Forum des Austauschs jüdischer Frauen aus Europa, geschaffen, um einen Beitrag zur Erneuerung jüdischen Lebens in Europa zu leisten, das Erbe jüdischer Frauen zu pflegen, die jüdische Frauenforschung zu unterstützen und ein internationales Netzwerk jüdischer Frauen aufzubauen, um in einen interreligiösen und interkulturellen Dialog einzutreten. So entstanden überall im Land damals Minjanim, Initiativen und Gruppen, die mit neuen Ideen ein modernes Judentum gestalten wollten.

In der ersten Reihe Elisa Klapheck und ihr Ehemann Abraham de Wolf, Vorsitzender von „Torat HaKalkala, Verein zur Förderung der angewandten jüdischen Wirtschafts- und Sozialethik e.V.“ in Frankfurt am Main; Foto: Petra Kammann

Da begann die studierte Politologin und langjährige Journalistin Elisa Klapheck, sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen und Judaistik zu studieren, ausgehend von der Frage, ob die Frau überhaupt ein solches Amt bekleiden könne und schrieb ein Buch über die Offenbacherin Regina Jonas, die 1935 weltweit zur ersten Rabbinerin ordiniert wurde. Klapheck wollte Verantwortung übernehmen und wurde „Deutschlands  sicher erste Frau, die im Rahmen eines öffentlichen Gottesdienstes aus einer Torarolle gelesen – das heißt im traditionellen Vortragsstil hebräische Bibeltexte vorgetragen hat“, sagt Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama, der vier Jahre lang mit Elisa Klapheck im Vorstandsbüro der jüdischen Gemeinde in Berlin zusammengearbeitet hat.

Klaphecks Buch über Regina Jonas war und wurde der Meilenstein in der historischen Erschließung dieser wichtigen Person, die über viele Jahrzehnte vollkommen in Vergessenheit geraten war, so das positive Urteil des Rabbiner-Kollegen. In Amsterdam und in New York ließ sich Klapheck, die einige Jahre in den Niederlanden lebte, dann zur Rabbinerin ausbilden bzw. ordinieren. Etwas Besonderes, zumal es deutschlandweit nur sieben Rabbinerinnen gibt.

Mit 50 promovierte sie dann in einer Auseinandersetzung über „das religiös-säkulare Spannungsfeld des Judentums“, das die  jüdisch-deutsche Religionsphilosophin, Kultur- Essayistin und Poetin Margarete Susman (1872 – 1966) verkörperte. Besonders interessant, weil auch Klapheck selbst aus einem aus einem säkularen deutsch-jüdischen Background stammt und es ihr um die Tradition des liberalen Judentums geht. Ihre Eltern waren die Jüdin Lilo Lang und der erst später zum Judentum übergetretene Vater Konrad Klapheck, Professor an der Kunstakademie Düsseldorf.

2017 erhielt sie schließlich in Paderborn eine Professur für Jüdische Studien. Elisa Klapheck sei das beste Beispiel für das, was Leo Baeck bei der Charakterisierung jüdischer Geschichte einmal als Konsequenz gezogen hat, so Rabbiner Nachama.Die jüdische Geschichte sei ein Ewiges ,Dennoch‘.

Preisübergabe durch die Vorsitzende SI Club Frankfurt HELP e.V. Monika Lambrecht; Foto: Petra Kamman

In der Frankfurter Synagoge ist Klapheck allerdings nicht Gemeinde-Rabbinern. Eine solche Funktion wird immer noch von männlichen Kollegen übernommen – vielmehr ist sie Rabbinerin der liberalen Synagogengemeinschaft ,Egalitärer Minnja‘ und hält ihre Gottesdienste im linken Anbau der Westend-Synagoge ab. Im Jüdischen Museum, das vor Kurzem neu eröffnet wurde, klingen ihre Antworten auf die gleichen Grundfragen anders als die ihrer männlichen Kollegen.

Bildschirmpräsentation im frischrenovierten Jüdischen Museum: verschiedene Rabbiner und Rabbinerin Elisa Klapheck (2.v.l.) geben verschiedene Antworten auf die gleiche Frage; Foto: Petra Kammann

In ihrer Dankesrede ging Klapheck auf die Bedeutung der Prophetinnen ein, wie zum Beispiel auf das 72. Kapitel des Jeremias. Da werde Hulda geschildert, deren Geschichte sie den Soroptimistinnen zur Lektüre empfahl. Hulda ist nämlich die einzige namentlich bekannte Prophetin, welche die Sprache der Propheten so benutzt, wie es für ihren Zeitgenossen Jeremia typisch ist: „So spricht JHWH, der Gott Israels“. Sie und Jeremia sprechen im wahrsten Sinn des Wortes dieselbe Sprache. Daher sei Huldas Verbindung mit Jerusalem und dem Tempel bis heute in Israel lebendig. Schon in der Antike wurden zwei – heute wieder sichtbare – Tore in der Südmauer der Tempel- Umfassung nach ihr „Hulda-Tore“ genannt.

Persönliche Gespräche mit Abstand nach der Preisübergabe waren vom Platz aus möglich; Foto: Petra Kammann

Von mittelalterlichen jüdischen Kommentatoren ist überliefert, dass Hulda in ihrem Haus die Thora studiert habe und von christlicher Seite, dass Hulda die Frauen unterrichtete. Schon die rabbinische Tradition hatte an eine ähnliche „Arbeitsteilung“ zwischen Hulda und Jeremia gedacht: Hulda predigte den Frauen, Jeremia den Männern, und im modernen Israel bedeutet der Name „bethulpana“ die Bezeichnung der „Lehrhäuser“ für die Frauen.

Stellt demnach die Hulda der Hebräischen Bibel das Bild des prophetischen Amtes als männliches Privileg in Frage, so die Hulda der späteren jüdischen (und christlichen) Tradition auch die Theologie, die Schriftgelehrsamkeit als rein männliche Wissenschaft.

„Also lesen Sie Hulda“, ruft Klapheck den Frauen im Sale zu, bevor jeder an seinem Platz mit einem ein Glas Sekt auf ihr Wohl anstößt und eine dazu gereichte koschere kulinarische Spezialität zu sich nimmt.

Ein besonderer Dank galt dann auch den Gastgebern, dem Ehepaar Arnold, die am selben Tag den Raum, in dem normalerweise 100 Menschen und mehr Platz finden, entsprechend hergerichtet und den Soroptimistinnen zur Verfügung gestellt haben, die Technik inbegriffen, die für die Übermittlung notwendig war, so dass auch die Clubschwestern dem Ereignis folgen konnten. Ein Preis, an den man sich mit all seinen Besonderheiten erinnern wird.

Das Ehepaar Karl M. Arnold hatte alles gerichtet: Auf das Wohl der Gastgeber!; Foto: Petra Kammann 

Weitere Infos:

Die Soroptimistinnen befassen sich mit Fragen der rechtlichen, sozialen und beruflichen Stellung der Frau und vertreten die Position der Frauen in der öffentlichen Diskussion.  Sie setzen sich ein für die Verbesserung der Lebensbedingungen für Frauen und Mädchen. Sie agieren lokal, regional, national und global. Soroptimist International (SI) ist eine der weltweit größten Service-Organisationen berufstätiger Frauen mit gesellschaftspolitischem Engagement. 

www.soroptimist.de
www.clubfrankfurtammain.soroptimist.de 

Der Laudator:

Nach 30 Jahren als geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors ging Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama im vergangenen Jahr in den Ruhestand, doch zu tun gibt es für ihn weiterhin genug: Nachama arbeitet als Publizist, wirkt als Rabbiner und leitet die Allgemeine Rabbinerkonferenz in Deutschland. Ende Mai dieses Jahres konnte er den Grundstein für das „House of One“ in Berlin legen, einem interreligiösen Gebäude mit Kirche, Moschee und Synagoge unter einem Dach. Für seinen Einsatz um interreligiöse Verständigung erhielt Nachama 2019 die Moses Mendelssohn Medaille. 

Wer war Gabriele Strecker?

Der Soroptimist International Club Frankfurt am Main wurde 1952 von der Journalistin und Politikerin Dr. Gabriele Strecker gegründet. Gabriele Strecker, ursprünglich Ärztin, gab 1945 diesen Beruf auf und widmete sich als Nachkriegspolitikerin und Journalistin dem demokratischen Wiederaufbau Deutschlands nach dem Nationalsozialismus. Als Leiterin des Frauenfunks im Hessischen Rundfunk verschrieb sie sich engagiertem Journalismus, indem sie sich vor allem um staatsbürgerliche Bildung von Frauen bemühte. Sie nutzte ihre Position auch, um den Protagonistinnen der neu entstandenen Frauenorganisationen ein Forum für ihre Anliegen zu bieten und machte sich zum Sprachrohr für alle damals dort diskutierten Themen. 1948 wurde sie Mitglied der CDU und vertrat die Partei zwei Legislaturperioden lang im Hessischen Landtag. Darüber hinaus war sie in mehreren Frauenorganisationen aktiv. Sie gründete 1947 den Bad Homburger Frauenverband mit, war 1952 Gründerin des Frankfurter Clubs von Soroptimist International, engagierte sich beim Aufbau des Deutschen Frauenrings und war 1950-1960 Vorsitzende der CDU-Frauenvereinigung Hessen. Weit über die Landesgrenzen hinaus wurde sie als Vertreterin Deutschlands auf internationalen Frauenkongressen und als Referentin des Goethe-Instituts bekannt. 

Die bisherigen Preisträgerinnen des Dr. Gabriele Strecker Preises sind:

die Gründerin des Kultursensiblen Pflegedienstes AHP, Nadia Qani (2018)

die Direktorin des MMK, Museum für Moderne Kunst, Dr. Susanne Gaensheimer (2016)

die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts/Frankfurter Goethemuseums Prof. Dr. Anne Bohnenkamp-Renken (2014)

die Direktorin des Deutschen Fußball-Bundes Steffi Jones (2012)

die Maisha-Geschäftsführerin Virginia Wangare Greiner (2010)

die Ordensfrau Schwester Sigrid Ehrlich (2008)

die Mäzenin Dr. Eva Brinkmann to Broxten (2006)

die Verlegerin Ulrike Helmer (2004)

die Fotografin Ursula Hillmann (2002)




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