Verleihung des Dr. Gabriele-Strecker-Preises an Nadia Qani im Historischen Museum

Ein afghanischer Abend in Frankfurt am Main.
Zum neunten Mal verleiht der Soroptimist Club Frankfurt am Main am 6. Juni 2018 seinen Dr. Gabriele Strecker Preis, benannt nach der Gründerin des zweiten Soroptimist-Clubs in Deutschland.

 


Nicht ohne Stolz können wir Frankfurterinnen sagen, wir haben eine Tradition begründet, die vor Leben strotzt. Entsprechend konnten Monika Lambrecht, Vorsitzende des Fördervereins von Club Frankfurt, und Dagmar Woodward, Präsidentin des Clubs, erfreulich viele Gäste im Historischen Museum begrüßen, unter ihnen den Direktor des Museums Dr. Jan Gerchow, SI-Deutschlandpräsidentin Gabriele Zorn, frühere Preisträgerinnen, Repräsentantinnen aus verschiedenen Ebenen von SI und viele Freundinnen aus Nachbarclubs.
Die diesjährige Preisträgerin ist Nadia Qani, die sich in ihrer Biographie „Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan“ 2010 einem großen Publikum vorgestellt hat. Geboren 1960 in Kabul, flieht sie vor den lebensfeindlichen Verhältnissen dort und folgt ihrem Ehemann nach Deutschland. Sie bekommt zwei Söhne, doch die Ehe zerbricht. Nadia Qani stand vor dem Nichts, arbeitet als Reinigungskraft, Bürohilfe und Kassiererin im Baumarkt. Sie kämpft und gründet 1993 in Frankfurt einen Ambulanten Häuslichen Pflegedienst, den sie „kultursensibel“ nennt: ein innovatives Erfolgsmodell, wie sich bald herausstellt. Heute ist sie Arbeitgeberin für rund 40 Personen, die neben der pflegerischen Qualifikation auch verschiedene Sprachen beherrschen.
Nadia Qani bringt wirtschaftlichen Erfolg und soziales Engagement in Einklang, sie ist willensstark und voller Energie, ein Vorbild für Frauen. Sie fördert in hohem Maße die Integration von Migrantinnen und ermutigt sie, unsere Gesellschaft mitzugestalten. Dafür zeichnen die Soroptimistinnen sie aus, wie Monika Lambrecht betont. Sie zitiert aus Nadia Qanis Buch: „ … voneinander abgeschottete Parallelkulturen nützen niemandem…. Das A und O der Integration aber ist die Leistung. Sie bietet dem einzelnen deutlich mehr Chancen zur Selbstentfaltung und zur Selbstfindung als eine Existenz, die ihm erspart, alles Nötige zu tun, um hier Fuß zu fassen, weil ständig Rücksicht auf die Gepflogenheiten seiner Herkunft genommen wird.“
Laudatio und Festvortrag hält Ex-Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, die gerade die Weltoffenheit und Multidiversität von Frankfurt lobt, Eigenschaften einer Stadt, die Unternehmerinnen wie Nadia Qani den Boden bereiten.
Auch die musikalische Gestaltung des Abends ist alles andere als Durchschnitt. Die jungen Virtuosen Johanna Schubert (Violine) und Philipp Kirchner (Klavier), Stipendiaten der Jürgen Ponto-Stiftung, begeistern mit Brahms zur festlichen Einstimmung, bevor Monika Lambrecht den Preis überreicht. Sichtlich bewegt dankt die Preisträgerin und betont ihrerseits, dass sie den Preis „…. der Wertschätzung von Vielfalt in Frankfurt“ zu verdanken hat.
Dann der Schlussakkord: Er wird gesetzt vom Ensemble Hamnawa, das mit traditioneller afghanischer Musik sein Können zeigt. Auf der Robab, einem Saiteninstrument, sowie der Tabla, den Trommeln, entlocken Ustad Ghulam Hussain und Farid Azar ihren Instrumenten die typischen zentralasiatischen Rhythmen, witzig, mit Augenzwinkern, auf höchstem musikalischem Niveau.
Der Abend endete bei munteren Gesprächen und einem Glas Wein, nachher sogar mit afghanischem Essen. Ein Sommerabend „Afghanistan mitten in Frankfurt“ at its best. So soll es sein.
 

Nachfolgend die Berichterstattung in FeuilletonFrankfurt von Petra Kammann, Herausgeberin (vom 27.06.2018):

Dr. Gabriele Strecker Preis für Nadia Qani im Historischen Museum in Frankfurt
Eine deutsch-afghanische Preisverleihung
Zum neunten Mal verlieh der Soroptimist Club Frankfurt am Main am 6. Juni 2018 an die in Kabul/Afghanistan geborene Unternehmerin Nadja Qani im Sonnemann-Saal des Historischen Museums seinen Dr. Gabriele Strecker Preis. Der Preis ist benannt nach der Ärztin, Journalistin, Abgeordneten im Hessischen Landtag und Gründerin des zweiten Soroptimist-Clubs in Deutschland. Preisträgerin Nadia Qani, optimistische Gründerin des ambulanten, kultursensiblen Pflegedienstes AHP, wurde für ihre unternehmerische und soziale Leistung bereits mehrfach ausgezeichnet: als Frankfurterin des Jahres, als Unternehmerin des Jahres und mit dem Bundesverdienstkreuz. Die so tatkräftige wie charmante Frau ist eben für viele ein großartiges Vorbild.

Von Petra Kammann

v.l.n.r.: Monika Lambrecht, Vorsitzende SI Club Frankfurt HELP e.V., Preisträgerin Nadia Qani und Laudatorin Brigitte Zypries, Bundesministerin a.D., alle Fotos: Petra Kammann

 

Nadia Qani ist eine Institution in Frankfurt. Der Sonnemann-Saal im neugestalteten Historischen Museum war wohl auch deshalb bis auf den letzten Platz besetzt. Mit Musik von Brahms stimmten junge lebhafte Solisten, das Duo Johanna Schubert (Violine) und Philipp Kirchner (Klavier) die Gäste – für Feierstunden typisch deutsch – ein. Und Jan Gerchow, der Direktor des Historischen Museums, ließ es sich als Hausherr auch nicht nehmen, ein paar Grußworte an die anwesenden Frauen zu richten und sie in dem Zusammenhang ihres Engagements auf die künftige Jubiläumssusstellung „Damenwahl!“ hinzuweisen, in der es um 100 Jahre Frauenstimmrecht gehen wird…

Die Violinistin Johanna Schubert und der Pianist Philipp Kirchner sind Stipendiaten der Jürgen Ponto-Stiftung

Nachdem Monika Lambrecht von „Soroptimist“ den Preis überreicht hatte, verwies die Preisträgerin, die ihre eigene Biografie in dem Buch „Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan“ (Verlag S. Fischer) festgehalten hat,  auf die Bedeutung der Bildung für Frauen hin und bedankte sich mit Worten voller Dankbarkeit: „Den Preis habe ich der Wertschätzung von Vielfalt in Frankfurt zu verdanken.“

Und Ex-Bundesministerin Brigitte Zypries (SPD) hielt eine Laudatio, die darauf schließen ließ, dass sie sich intensiv mit Qani beschäftigt hat und dass deren Lebenslauf sie tief beeindruckt hat. Sie unterstrich die Besonderheit des speziellen Pflegedienstes, den Qani gründete, der Rücksicht auf die religiösen, kulturellen Prägungen und Bedürfnisse der Patienten nehme, was damit zusammenhänge, dass auch für Qani Bildung immer ganz oben gestanden habe, weil ihr Vater ihr den Satz eingeprägt habe: „Ich bin Direktorin“ und ihr gleichzeitig mit auf den Weg gab, dass man Direktorin nicht von alleine wird, sondern dafür viel lernen, viel arbeiten und dazu noch gerecht sein muss. Das habe sie ihrem Vater versprechen müssen, der starb, als sie gerademal  zwölf war.

Da musste sie als Älteste ihrer Mutter dabei helfen, den Lebensunterhalt für die drei Kinder zu ermöglichen. Schon damals haben sich ihre ersten unternehmerischen Fähigkeit herauskristallisiert. Da es in der Schule keine Bücher gab, fertigte sie Unterrichtsmitschriften an und verkaufte sie an die bessergestellten Mitschüler. Und geschickt produzierte sie Schnüre für den traditionellen afghanischen „Drachenkampf“. Das Geschäft florierte. Und schon bald hatte sie neue Ideen. Sie setzte förmlich eine Familienmanufaktur in Gang, indem sie gesammelten „Brigitte“ und „Burda“-Zeitschriften auswertete und Taschen, Kissen, Tischdecken und Schränke herstellen ließ und erfolgreich verkaufte. Da sie dann mit 17 einen sehr guten Schulabschluss machte, bekam sie eine Stelle im Wirtschaftsministerium in Kabul. Dort wurde ihr sogar ein Englischkurs finanziert, der später einmal sehr wichtig für sie werden sollte.

Sonnemann-Saal in der ersten Reihe v.l.n.r: Ordensfrau Schwester Sigrid Ehrlich, Soroptimist-Präsidentin Dagmar Woodward, Ex-Bundesministerin Brigitte  Zypries und Nadia Qani

Als es nämlich in den späten 7oer Jahren in Afghanistan einen politischen Umschwung gab, der Herrscher gestürzt worden war, nahm die inzwischen verheirate Frau Qani an regierungskritischen Demonstrationen teil und verteilte Flugblätter. Der Druck auf die Oppositionellen wuchs. Als 1979 die sowjetischen Trupps in Kabul einzogen, wurden Regimegegner verfolgt. Ihr Mann floh ins Ausland nach Frankfurt. Sie folgte ihm, verließ Kabul 1980 und gelangte mit einem gefälschten Pass über London nach Frankfurt. Das Ehepaar musste sich zunächst in den Dschungel der deutschen Bürokratie einarbeiten.

Nach der Geburt ihres ersten Sohnes begann die Zeit zahlreicher Jobs wie Putzen, Regale in Bau- und Supermärkten einräumen etc. Kurzum: 14-Stunden-Tage waren für sie der Durchschnitt. 1987 wurde der zweite Sohn geboren. Das Ehepaar entfremdete sich. Es folgte eine schwere Lebenskrise, die sie über den Aufbau von ZAN, einem Verein für Frauen in Not, bewältigte. Die Idee, Frauen in Afghanistan zu helfen, wuchs zunehmend. Ab 1995 übernahmen die Taliban die Herrschaft in Afghanistan, Frauen wurden degradiert und „für dumm gehalten“. Qani engagierte sich, indem sie eine Wanderausstellung „Frauenleben in Afghanistan“ organisierte und sich  – u.a. auch in Reden im Römer – vor allem für die Ausbildung und berufliche Integration von Migrantinnen einsetzte. Seither ermutigt sie diese, unsere Gesellschaft mitzugestalten. Den Menschen im Herkunftsland  fühlt sie sich nach wie vor verbunden und verpflichtet und denen, die, wie sie, oft mit traumatischen Erfahrungen aus dem kriegsgeschüttelten Land nach Deutschland gekommen sind, vermittelt sie Optimismus. Etliche im Raum dankten es ihr. Mitglieder der Clubschwestern ZONTA waren bei der Feier zugegen.

Indische Musiker schenkten ihr an diesem besonderen Abend ein beeindruckendes Abschlusskonzert, das ein wenig von dem widerspiegelte, was die Power der Nadia Qani ausmacht. Die asiatischen fremdartigen Klänge, die inmitten unserer Gesellschaft so präsent sind, begleiteten die Besucher sicherlich noch beim Verlassen des Saals und ließen sie weiterwirken. Das Ensemble der Frankfurter Musikschule Hamnawa zeigte nicht nur sein Können. Was der Musiker Ustad Ghulam Hussain der Rubab, einem traditionellen Saiteninstrument, entlockte, war von großer Virtuosität. Und auch beim differenzierten Tabla-Spiel von Farid Azar spürte man förmlich die Verwandtschaft mit den heimatlichen Klängen aus dem Land Nadia Qanis, das damit auch in Tönen und Rhythmen anwesend war.

links: Tabla-Spieler Farid Azar, rechts: Robab-Spieler Ustaad Gholam Hussain, lins,  spielten auf höchstem Niveau afghanische Musik



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